Das Herz des Waldes

Das Herz des Waldes – ein Drachenmärchen

Es war einmal vor vielen Jahren, in einem Königreich des Nordens. Es war ein reiches Land,
mit einer kraftvollen Armee und vielen Schiffen. Sie trieben einst blühenden Handel mit dem Holz ihrer Wälder.
Aber seit langer Zeit schon kämpften die Menschen dort gegen das Unbild des Wetters. Überschwemmungen, kalte nasse Sommer, die kaum Ernte einbrachten und eisige lange Winter, in denen viele vor Hunger umkamen. Immer weniger Land war fruchtbar, es wurde vom Dauerregen weggespült und immer mehr Wälder wurden abgeholzt, um Dämme gegen das Meer zu bauen, welches sich immer öfter ins Land ergoss.
Das Land schien verflucht. Es wurde dunkel, kalt und kahl.
Um sich den Schutz gegen die Unbild es Wetter zu erbitten, ging der König zur Zauberin.
Sie war einverstanden einen Zauber zu weben, aber der hatte einen Preis.
„Gibt mir das, was dir als erstes durch den Kopf geht, wenn ich dich danach frage was dir am meisten Wert ist.“
„Meine Tochter“ dachte König und erschrak in diesem Augenblick ganz fürchterlich.
Doch so wie es war, war es abgemacht. Eine Zauberin konnte man nicht belügen.
Und der König übergab ihr schweren Herzens seine Tochter.
Wie es bei einem Pfand aber üblich ist, gibt es eine Möglichkeit ihn auszulösen.
„Wenn du mir das Herz des Waldes bringst, werde ich deine Tochter zu dir zurückkehren lassen.“

Der König willigte ein. Und es dauerte eine Nacht und einen Tag und die Wolken verzogen sich. Sonne kam über das Land und trocknete die Felder und Wiesen.

„Das Herz des Waldes zu finden kann ja nicht so schwer sein.“ Schließlich hatte der König eine stattliche Anzahl vom mutigen Ritter an seiner Seite.
Sie alle waren bereit, für den König loszuziehen und ihm das „ Herz des Waldes“ zu bringen.

Aber was war es überhaupt? „Das Herz des Waldes“
Die Ritter wussten es nicht, und auch die Gelehrten des Landes kannten die Antwort nicht.
Sie überlegten lange.
Was könnte das Herz des Waldes sein.
Sie kamen auf die Bäume. Die Bäume waren die grüne Lunge des Waldes. Vielleicht konnten sie auch das Herz sein.
Die Ritter nahmen sich die besten Waldarbeiter des Landes mit um den größten Baum im Wald zu suchen und ihn zu fällen. Am Rande einer Schonung entdeckten sie eine stattliche Eiche.
Sie könnte es sein. Als der Ritter die ersten Schläge mit der Axt getan hatte, fühlte er mit einem Mal ein heftiges Klopfen unter seinen Händen und erfreut und siegessicher schlug er weiter.
Immer heftiger wurde das Hämmern in seiner Axt, das er Mühe hatte das Werkzeug ruhig zu halten, er hatte das Gefühl es bei jedem Schlag in sich zu spüren. Und war nicht mehr zu bremsen, bis der Baum endlich am Boden lag. Unter dem Jubel der Landbevölkerung zogen sie den Baum zum Schloss der Zauberin.
Doch wie enttäuscht waren sie, als die Zauberin den Baum nur mitleidig berührte und sprach
„Der Baum ist ein Teil es Waldes. Wie schon so viele für eure Häuser und euere Schiffe. Für das Feuerholz und für die Dämme.
Die Seele des Baumes ist nur nicht mehr darin, aber es ist nicht das Herz des Waldes, war ihr mir brachtet.“
.

Der erste Ritter machte sich selbstsicher auf den Weg, in den Wald.
„Ich werde da Herz des Waldes finden und euch bringen, seit gewiss mein König.
Er ritt in den Wald, hoffungsvoll das zu finden was er suchte.
Plötzlich schnaubte sein Pferd nervös auf und weigerte sich weiter zu gehen.
Der Ritter sah nichts, aber wenn er ganz angestrengt lauschte er hörte plötzlich ein leises Pochen. „Das Herz des Waldes“ dachte er und sprang von seinem Pferd. „Es muss ganz in der Nähe sein.“
Mutig schritt er weiter. Das Pochen wurde immer lauter. Plötzlich knackte es im Unterholz und ein großer Bär richtet sich vor ihm auf. Voller Schreck wollte der Ritter sich umdrehen und fliehen. Doch das laute Schlagen eines Herzens hielt ihn zurück.
„Das ist es,“dachte er. Das Herz des Waldes ist im Bären. Der Bär ist der König der Tiere hier im Wald und in ihm schlägt das Herz des Waldes.“
An sein Versprechen denken, ließt er sich todesmutig auf den Kampf mit dem Bären ein
Und tötete ihn mit mehreren Kräftigen Schwerthieben und schnitt ihm das Herz aus seiner Brust.
Stolz eilte er damit zum König zurück. Der es hoffungsvoll der Zauberin vorlegte.
Doch sie schüttelte den Kopf
„Nein, mein König, das ist nicht das Herz des Waldes. Da ist das Herz eines Tieres. Sie sind Bewohner des Waldes und dienen euch. Sie sind Nahrung und Helfer und Kamerad“

Der zweite Ritter zog in den Wald. Er ritt mehrer Tag und Nächte ohne dass ihm etwas auffallen wollte, was „das Herz des Waldes“ sein könnte.
Nach einigen Tagen kam er zum nahen Gebirge und stand plötzlich vor dem Eingang einer Höhle.
Das ist es dachte er. Das Herz des Waldes befindet sich bestimmt unter der Erde.
Mutig begab er sich durch den Eingang in die Höhle hinein. Er strich die Spinnweben beiseite
Und scheuchte die Fledermäuse auf. Und ging langsam im Schein seiner Fackel weiter. Denn er hatte etwas gehört. Ein schnelles heftiges Pochen. Und je weiter er ging, je enger und dunkler, die Höhle ihm erschien, desto deutlicher wurde dieses Schlagen. Er hatte Angst sich in der Tiefe der Erde zu verirren und die Fackel wurde auch immer schwächer, aber das Schlagen wurden immer lauter und so ging er weiter und weiter, bis die Höhe so eng war, das er sich nur noch kriechen fortbewegen konnte, und die Fackel kurz vor dem erlöschen war.
Da sah er vor sich einen großen hellgrünen Kristall schimmern. Als er die Hand danach ausstreckte, verlöschte das letzte Leuchten der Fackel und er spürte als er den Stein umschloss
ein heftiges Pochen in seiner Hand.
Er hatte das Herz des Waldes gefunden.
Siegessicher machte er sich durch die Dunkelheit auf den Rückweg

Der König war sehr erfreut als er den großen Kristall sah. Ja, das musste das herz des Waldes sein.
Aber wieder sagte die Zauberin „Nein, das ist nicht das Herz des Waldes. Das ist ein Kristall,
die Schönheit der Erde, welche sie euch schenkt, damit ihr euch dran erfreuen könnt.“

Der nächste Ritter machte sich auf den Weg.
Er ging in den Wald um die vermeintlich tiefsteste Stelle zu suchen. Denn dort vermutete er das Herz des Waldes.
Die Bäume standen immer dichter. Die Tannen wurden immer höher. Der Wald wurde immer dunkler. Kaum ein Lichtstrahl erreichte den Boden.
Selbst die Stimmen des Waldes schwiegen, kaum ein Rauschen war zu hören. Kein Zwitschern und kein Rascheln. Es wurde unheimlich. Selbst sein Pferd weigerte sich weiter zu gehen und warf ihn ab.
Er war schon nahe daran aufzugeben. Aber was war das? Der Ritter lauschte. Ja, eindeutig da war ein gleichmäßiges Pochen zu hören.
Wie ein Herzschlag. Ja, er war dem Herzen des Waldes auf der Spür.
Der Ritter kämpfe sich nun zu Fuß weiter durch den Wald. Viele Tag und Nächte. Er hatte keine Nahrung dabei und auch seine Waffen waren beim Pferd.
Er kam an einem See mitten im Wald. Völlig erschöpft ließ er sich zu Boden fallen und kroch die letzten Meter zum Wasser. Er beugte sich vor um zu trinken und als er gierig das Lebens spendende Nass aufnahm, spürte er plötzlich ein Beben unter sich. Er konnte es mit seinem ganzen Körper wahrnehmen. Es war das Schlagen eines Herzens. Ein Heftiges wildes Pochen.
Dieser See musste das Herz des Waldes sein. Von ihm wurde hier alles Leben gespeist.
Er füllte seinen Beutel mit dem Wasser des Teiches und eilte zurück durch die Dunkelheit des Waldes. Die ihm nun nicht mehr so unheimlich erschien.
Er brauchte mehrer Tage und Nächte und litt Hunger und Durst, aber er wagte nicht von dem Wasser in seinem Beutel zu trinken, da es zur Rettung der Prinzessin gedacht war.
Kraftlos erreicht er das Schloss und übergab dem König das Wasser aus dem See im Wald.

„Du hast mir den Lebenssaft, des Waldes gebracht. Er fließt durch alles, durch alle Pflanzen, Bäume und Tiere des Waldes und erhält das Wunder des Lebens.
Aber es ist nicht das Herz des Waldes“

Eine letzte Möglichkeit fiel den Rittern noch ein. Aber bei dem Gedanken wurde ihnen angst und bange. An einer gut verborgenen Stelle im Wald lebte ein Drache. Der Drache würde zwar nicht das Herz des Waldes sein. Aber er trug das uralte Wissen der Welt in sich. Die Zauberin hatte die Macht ihm bei Namen zu rufen und von ihm zu lernen.
So musste auch sie über das Herz des Waldes erfahren habe.
Es blieb als Einzige Möglichkeit, den Drachen aufzusuchen und ihn um Hilfe zu bitte.
Keiner der Ritter traute sich dort hin, so das sie einen auslosen mussten.
Widerwillig aber dennoch durch den Mut der Verzweiflung entschlossen, machte sich der Ritter auf den Weg zum Gebiet des Drachen.
Beim Näher kommen wurde es zunehmend wärmer und nebeliger und er meinte den Atem des Drachen zu riechen. Doch es war nur verbranntes Holz und Asche die den Boden bedeckte. In diesem Kreis aus Zerstörung lag der Drache und schien zu schlafen.
Respektvoll ließ sich der Ritter am Rande des Aschekreises auf die Knie sinken.
Der Drache hob den Kopf. Man könnte meinen, er sah verwundert aus. Er blickte sich um, als wenn er hinter den Bäumen eine Armee vermutete.
Dann sah er auf den Ritter hinunter, der ergeben vor ihm saß.
„Was willst du Mensch, so alleine hier? Wo sind die Anderen Krieger? Sind sie durch die schrecklichen Unwetter alle ausgestorben?“
„Nein, wir leben noch. Du hast Recht, es war eine schwere Zeit für uns, nicht alle haben überlebt. Unser König hat uns durch das Pfand seiner Tochter gerettet. Doch es schmerzt ihn sehr, sie nicht auslösen zu können.“
„Wie, der grosse König mit all seinen Schätzen und Reichtümer schafft es nicht seine Tochter auszulösen? Was verlangt sie denn, die Zauberin?“
Der Ritter hob seinen Blick „Sie verlangt das Herz des Waldes!“
Der Drache schwieg.
Das Herz klopfte dem Ritter bis zum Hals
„Das Herz des Waldes?“ der Drache bewegte sich auf den Ritter zu.
Er wagte kaum zu atmen. Waren es die Schritte des Drachen die den Boden zum Beben brachten oder sein eigener Herzschlag. Er wusste es nicht.
„Du weißt nicht, wo das Herz des Waldes zu finden ist?“ fragte der Drache verwundert.
„Nein, wir wissen es nicht“, sprach der Ritter mit zitternder Stimme.“ Ich bin gekommen um euch zu bitten, mir zu sagen, was das Herz des Waldes ist.“
Der Drache schüttelte den Kopf: „Ich kann es dir nicht sagen… du würdest es nicht verstehen. Aber ich werde es dich spüren lassen.“
„Leg die Hände auf den Boden. Was spürst du?
„ Ich bin so aufgeregt. Ich fühle meinen Pulsschlag, Ein Pulsieren und Wärme.“
Leg die Hände auf den Stein. Was spürst du?
„Mein Herz, Ein Schlagen und Stärke.“
Leg die Hände auf den Baum. Was spürst du?
„Mein Blut in den Adern. Ein Pochen und Strömen“
Der Drache richtet sich auf.
„Komm zu mir. Und lege die Hände auf meine Brust?“
Der Ritter holte tief Luft und schritt langsam auf den Drachen zu.
Heftig und laut schlug sein eigenes Herz Das Blut rauschte in seinen Ohren.
Er legte seine Hand auf die geschuppte Brust, die er ihm entgegen streckt.
„Was spürst du nun?“ fragte der Drache wieder.
Verwirrt schüttelte der Ritter seinen Kopf: „Ich weiß es nicht. Mein angstvolles Herz übertönt alles andere. Ich höre nur meinen eigenen Herzschlag.“
Der Drache nickte: „Ja, dein Herz. Du hörst es in der Erde, in jedem Stein, in jedem Baum, in jedem Tier. Es schlägt in dir und es schlägt mit allem zusammen, was lebt. So wie du in allem dich spürst, ist auch alles in dir. Auch das Herz des Waldes“

Der Drache tat einen Schritt zurück.
„Nun geh wieder.“
Noch ganz verwirrt und verwundert bedankte sich der Ritter und schritt aus dem Aschekreis hinaus. Er blickte auf den Drachen zurück und auf seine Hände. In denen er immer noch den Herzschlag pulsieren fühlt.
Er sah sich um und blicke die Bäume an und sie schienen zu leben. Er ging auf einen nahe stehende zu und legte seine Hand auf die Rinde.
Er spürte es Pochen und Strömen.
Ein paar Schritte weiter lies er sich zu Boden fallen und legte die Hände auf die Erde.
Er fühlte die Wärme und ein Pulsieren. Er ging zu seinem Pferd, legte die Hand auf sein Fell
und spürte den Herzschlag und die Kraft des Pferdes.
Auf dem Rückweg nahm der Wald so wie noch nie wahr. Alles erschien ihm von Leben erfüllt. Alles pulsierte und leuchtet und war von Bewegung und Klang erfüllt.

Am Hofe des Königs angekommen, wurde er gebührend empfangen.
Aber der Blick des Königs verriet Enttäuschung, denn er kam mit leeren Händen.
Die Zauberin stand lächelnd neben dem Thron.
„Nun, edeler Ritter. Was habt ihr mir mitgebracht?“
Er trat auf sie zu, nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust.
„Hier Zauberin, reiche ich euch, das Herz des Waldes. Es schlägt noch, doch ihr könnt es herausreißen, wenn ihr es wollt.“

Die Zauberin machte keine Anstalten gewalttätig zu werden, sondern sprach:
„Ja, du hast mir das Herz des Waldes gebracht. Ich will es nicht, denn ich habe es schon. Aber ich möchte, dass du es jeden am Hofe spüren lässt. Jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind.
Alle solle sie das Herz des Waldes spüren, damit sie in Zukunft achtsamer mit ihm umgehen.“

Copyright Morgenstern* 2006


Posted on by iffi

Comments are closed.